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Und zum Frühstück ein paar Reißnägel

Von Christiane Kohl, Süddeutsche Zeitung

Keiner im Thüringer Wahlkampf bemüht sich so, Politik lustvoll und angriffsgewandt zu verkaufen wie Linken-Spitzenmann Bo do Ramelow. Er versteht sich als der wahre Herausforderer von Ministerpräsident Althaus. Und bei einem Koalitionspoker will er gern der Spielmacher sein.

Manchmal führt nur der Umweg zum Ziel. So scheint es jedenfalls in diesen Tagen im sommerlichen Thüringen zu sein, wo nicht nur der Landtagswahlkampf, sondern auch das Straßennetz den Menschen eine recht hohe Navigationstüchtigkeit abverlangt. Da quält sich Bodo Ramelow von den Linken mit einem roten Opel zwischen saftig grünen Streuobstwiesen und goldgelben Stoppelfeldern hindurch über die sanft geschwungene Landstraße von Erfurt in Richtung Mühlhausen - und landet doch immer wieder im grauen Staub einer Baustelle. Eigentlich könnte der Weg zu dem mittelalterlichen Fachwerkstädtchen in Westthüringen, wo man den 53-Jährigen als Redner erwartet, so kurzweilig sein. Indes zwingen den Spitzenkandidaten immer neue Umleitungen, vom direkten Weg abzubiegen. Das Konjunkturprogramm und seine praktische Umsetzung in Form des örtlichen Straßenbaus - hier im Innern des Landes wirkt es heute als höchst unerwünschte Bremse für den vorwärts drängenden Ramelow.

Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass sich die wachsende Nervosität in dem langsam vor sich hinzuckelnden Kandidatenwagen nun ausgerechnet vor dem riesigen Plakat am Wegesrand entzündet, auf dem man den roten Stoppelkopf des SPD-Konkurrenten Christoph Matschie sieht: “Meine Regierung handelt sozial”, steht in großen Lettern unter dem Konterfei. “Ja, ist er denn der Besitzer?”, faucht Ramelow, “gehört ihm eine ganze Regierung?” Noch dürften ja wohl die Wähler entscheiden, wer in Zukunft die Geschicke des Landes lenken solle, wird der Kandidat später, als der Wagen endlich in Mühlhausen angekommen ist, seinen Zuhörern auf dem hübsch restaurierten Marktplatz entgegenschreien: “Ich habe jedenfalls nicht die Frechheit zu behaupten’, dass ich schon eine Landesregierung hätte.”

Die Wut sitzt tief, mit der sich die beiden Spitzenmänner der wichtigsten Oppositionsparteien in Thüringen derzeit bekriegen. Da schimpft Ramelow, der SPD-Landesvorsitzende sei doch “gar nicht politikfähig”. Und Matschie schießt umgehend zurück, der Linke-Politiker habe wohl “völlig die Nerven verloren”. Fast könnte man meinen, Matschie und Ramelow seien die Hauptkontrahenten in diesem Wahlkampf um die Landtagsmehrheit in Thüringen, über welche die Wähler am 30. August zu entscheiden haben. Und tatsächlich wollen beide Kandidaten erklärtermaßen das Amt des Ministerpräsidenten erringen. In Wahrheit aber hat keiner von beiden als einzelner Kandidat auch nur den Hauch einer Chance. Die zwei Oppositionspolitiker können den augenblicklichen Titelinhaber Dieter Althaus (CDU) nur vom Thron stürzen, wenn sie zueinander finden - über welche Umleitungen auch immer.

Derweil eilt der Christdemokrat Althaus von Volksfest zu Volksfest und lässt sich auf gar keine politischen Debatten mehr ein: Der Ministerpräsident setzt ganz auf die Zugkraft seiner eigenen Person, und darauf, dass viele Bürger im Osten derzeit genug haben von der Politik, die ihnen nur noch als populistische Winkeladvokatur erscheint. Entsprechend hat Althaus jetzt in der Persönlichkeitswahl seine Chance entdeckt. Noch um den Jahreswechsel hätte ihm kaum jemand eine weitere Amtsperiode zugetraut, allzu unübersichtlich waren die Probleme im Land. Ob überhöhte Abwasserkosten, Erziehungsgeld und Kita-Streit oder die überdimensionierten Investitionen in wirtschaftliche Rohrkrepierer, die sich das Land leistete - die Arbeitsbilanz des Ministerpräsidenten, der mit einer absoluten CDU-Mehrheit regiert, gilt als eher mager.

Seit dem Skiunfall im Januar aber hat sich die Stimmung im Land komplett gedreht. Zwar starb eine Frau bei der Kollision auf offener Piste, die Althaus durch eine Unachtsamkeit ausgelöst hatte; zwar verurteilte ein österreichisches Gericht ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe - doch es ist paradox, aber wahr: In Thüringen ist Althaus durch den Unfall populärer denn je.

“Diese Wahl ist so offen, wie noch nie eine Wahl vorher offen war” , sagt Bodo Ramelow in seinem roten Wahlkampf-Opel. Schuld daran ist seiner Ansicht nach die Bild-Zeitung, die den Provinz-Ministerpräsidenten nach dem tragischen Skiunfall zur schillernden Boulevard-Figur umdekorierte. Seither geht es in Thüringen weniger um Politik als um Personality, und das trifft niemanden so hart wie den Linkskandidaten Ramelow. Denn kaum einer in Thüringen versteht es, Politik so lustvoll anzuspitzen wie der einstige Gewerkschafter, der vor beinahe 20 Jahren aus dem benachbarten Hessen zuwanderte: “Marktplatz bespaßen”, nennt er denn auch seine Aufgabe, als er endlich in Mühlhausen angelangt ist.

Schnell noch das Mikrofon an die Backe geklebt, und da klettert der Kandidat auch schon behende auf die Ladefläche eines roten Lkw, der auf dem Marktplatz parkt, eingerahmt in die Kulisse der herrlichen Divi-Blasii-Kirche. Fast könnte man Ramelow für einen ausgebufften Marktverkauf er halten, als er dann routiniert sein Programm herunterspult, in welchem die Lacher im Minutentakt eingebaut sind. Ramelow will Thüringen vor allem “moderner” machen - von Sozialismus ist keine Rede mehr. Moderner in der Bildungspolitik, in der Verwaltung und vor allem auch was die Nutzung von Energie und Landwirtschaft betrifft: “Unser Wald ist das reinste Öl” , erklärt er den verblüfften Bürgern. Mit pfiffiger Waldwirtschaft und der Nutzung von neuartigen Baumpflanzen als Energieträgern sei jedenfalls “richtig Kohle” zu machen.

Einige hundert Leute sind auf den Marktplatz des Provinzstädtchens gekommen, weit mehr als kürzlich beim offiziellen Wahlkampfauftakt der SPD in Thüringen, wo immerhin SPD-Chef Franz Müntefering in der Erfurter Fußgängerzone stand. Da sitzt die Verfassungsrichterin neben dem Philosophen, der einst wegen Abweichlertum aus der SED ausgeschlossen worden war. Ein pensionierter Postbeamter applaudiert dem Linkskandidaten, Rechtsanwälte, Staatsanwälte und viele Rentner sitzen an den Tischen - lauter etablierte Leute. In sein “Kompetenz-Team”, einem Club, aus dem sich dereinst seine Regierungsmannschaft rekrutieren soll, hat Ramelow mit dem Erfurter Rechtsanwalt Michael Menzel sogar den Vorsitzenden des Thüringer Vermieterverbandes berufen: eine n ehemaligen Christdemokraten und Stad trat, der aus Enttäuschung über die CDU-Politik aus der Partei ausgetreten war.

Kein Zweifel kommt auf: In Mühlhausen, und nicht nur dort, scheinen die Unterstützer und Sympathisanten der Linkspartei fest in der Gesellschaft verankert zu sein. Und so erklärt sich vielleicht auch, warum Ramelow vor allem mit der CDU um die Wählerstimmen buhlen muss. “Was Wählerpotential und Sympathisanten betrifft”, sagt der Linkskandidat, “gibt es von allein Parteien im Landtag zwischen uns und den Christdemokraten die größten Schnittmengen.” Anfangs habe er sich noch gewundert darüber, in welchen Kreisen man in Thüringen Zuspruch ernten könne für die Linke. “Da war ich beim Bund der Ruhestandsbeamten eingeladen und verstand die Welt nicht mehr”, sagt Ramelow. Statt Buhrufen, die er als ehemaliger Westlinker erwartete, erntete der Politiker donnernden Applaus. Ähnlich war es bei anderen Verbänden. “Wenn du hier mit dem West-Kompass die Welt betrachtest, verstehst du gar nichts”, sagt Ramelow. Klar, dass es sich bei den Sympathisanten der Linkspartei vielfach auch um alte DDR-Kader handelt. Doch das juckt den Kandidaten nicht - auch die CDU habe schließlich ihre Blockflöten.

Jedenfalls findet Ramelow, dass er sich keineswegs für irgendeine Vergangenheit entschuldigen müsse. Immerhin hat er sich zu Mauertoten und Stasi-IM auch schon so distanziert und kritisch geäußert, dass manchem seiner Parteifreunde der Hut hochging. Um so schmerzlicher traf den Politiker eine Kampagne der Jungen Union in Thüringen, die Ramelow, den Westimport, als Auswärtigen stigmatisieren sollte. Doch Ramelow wäre nicht Ramelow, wenn er daraus nicht einen Gegenangriff schmieden würde: “Das nenne ich Alltagsrassismus”, schmettert er in Mühlhausen den Zuschauern entgegen, denn in der CDU werde eben fein unterschieden zwischen “nützlichen Wessis”, und solchen, die man fürchten müsse, weil sie eben unbequem seien - wie er selbst.

Vor beinahe 20 Jahren war Ramelow von Hessen ins benachbarte Thüringen übergewechselt. Als Gewerkschafter hatte man ihn nach Erfurt entsandt, um dort die Konsum-Mitarbeiter zu beraten. Ramelow blieb und kämpfte an vielen Fronten. Zunächst ging es um Betriebsschließungen, der Wessi schlug sich mit der Treuhand wie mit halbseidenen West-Investoren, um durch Stilllegung bedrohte Arbeitsplätze von Bergarbeitern und Kaufhausangestellten zu retten. Er steckte Niederlage um Niederlage ein, doch anderntags war er schon wieder aufgestanden, um den Gegenangriff zu starten: “Der Bodo frisst morgens schon Reißnägel”, charakterisierte eine Parteifreundin einmal seine Angriffslust. Denn auch unter den Linken sammelte Bodo Ramelow nicht nur Freunde. Als Architekt des Zusammenschlusses zwischen Ost- und Westlinken scheute er kaum einen Konflikt, am Ende freilich war der Zusammenschluss da. Doch während die Linken etwa im benachbarten Hessen nur ein Dasein als Splitterpartei fristen, haben die Genossen in Thüringen “eine regionale Volkspartei”.

Und so hält sich Ramelow auch für den eigentlichen Gegenkandidaten von Ministerpräsident Althaus. Bei den letzten Landtagswahlen im Jahr 2004 war der Linkskandidat knapp über 26 Prozent gekommen, überdies hatte er seinen Erfurter Wahlkreis als Direktkandidat gewonnen. Die SPD war hingegen unter 20 Prozent geblieben. Wenn es diesmal nur annähernd so gut für die Linkspartei läuft, und womöglich auch die Grünen im Landtag vertreten sein sollten, will Ramelow noch am Wahlabend die Einladungen verfassen: an die möglichen Koalitionspartner SPD und Grüne. Zwar weiß er längst, dass er persönlich nicht Ministerpräsident werden kann - das hat SPD-Landeschef Matschie kategorisch ablehnt. Mindestens der Spielmacher aber will Ramelow sein. Und so besteht er darauf, den Personalvorschlag zu machen, wenn es denn zu einer rot-rot-grünen Koalition kommen sollte. “Mir geht es nicht um den Schreibtisch in der Staatskanzlei”, sagt Ramelow.

Aber vielleicht um die Macht darüber?

Freitag, 21. August 2009
Schlüsselwörter: Presseartikel
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