Medien

Ramelow über Wahrheitssuche und Ungeduld

Gespräch: Ingo Senft-Werner, dpa

Der Bundestagsabgeordnete Bodo Ramelow will bei der Landtagswahl am 30. August in Thüringen seinen Traum verwirklichen: Er will der erste Ministerpräsident der Linken in Deutschland werden. Die Deutsche Presse-Agentur dpa sprach mit dem 53-Jährigen über seine politischen Vorbilder sowie über seine Stärken und Schwächen. 

Welche politischen Vorbilder haben Sie?

Bodo Ramelow: «Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Sie haben durch ihren persönlichen Einsatz, kombiniert mit Gewaltfreiheit, deutlich gemacht, dass man Verhältnisse verändern kann.

Was ist Ihre wichtigste politische Lehre, die Sie auf ihrem Weg gezogen haben?

Ramelow: «Niemals dogmatisch behaupten, dass man die Wahrheit gepachtet hat. Jedem Dogmatismus misstrauen. Immer wieder mit anderen Menschen gemeinsam nach dem besten Lösungsweg suchen.

An welchem Politiker reiben Sie sich am meisten?

Ramelow: «Aus Reibung kann zwischenmenschlich positive und negative Energie entstehen. In unangenehmer Erinnerung ist mir Franz-Josef Strauß. An diesem deutschen Politiker der Nachkriegsentwicklung konnte man sich wahrhaftig abarbeiten und reiben. Aber an einem Urgestein der Demokratie, der Liberalen Hildegard Hamm-Brücher, konnte ich mich orientieren.»

Welchem Nachwuchspolitiker trauen sie am meisten zu?

Ramelow: «In unserer Partei würde ich auf Bundesebene Jan Korte oder Katja Kipping nennen. Aber auch in unserem Landesverband gibt es junge Leute, die eine unglaubliche Fantasie besitzen, um Politik mit neuen Ideen zu gestalten. Sie würden wahrscheinlich erschrecken, wenn ich sie als Politiker bezeichne. Aber genau dieses Erschrecken macht diese neue Generation von Politikern so sympathisch.»

Wie erklären Sie sich die zunehmende Politikverdrossenheit und wie begegnen Sie ihr?

Ramelow: «Die Politikverdrossenheit deute ich eher als Politikerverdrossenheit und als kritische Distanz zu unserem Parteiensystem. Aber ich bin ein glühender Verfechter der parlamentarischen Demokratie, zu der allerdings mehr Mitspracherechte der Bürger gehören etwa mit Bürgerhaushalten und Volksabstimmungen. Dafür engagiere ich mich, denn damit können Bürger tatsächlich hinter die Kulissen von Verwaltung und Politik schauen.»

Was wären Sie gerne geworden, wenn sie nicht in die Politik gegangen wären?

Ramelow: «Ich bin gelernter Kaufmann und der Beruf im Lebensmitteleinzelhandel hat mir großen Spaß gemacht. Während meiner betrieblichen Ausbildung wurde ich sehr früh Jugendvertreter. Daraus erwuchs das Engagement für die Gewerkschaft und damit für Sozialpolitik. Politik ist für mich immer Teil meines Lebens gewesen.»

Was sehen Sie als Ihre Stärke an?

Ramelow: «Analytischer Verstand und zielstrebiges Handeln, die Fähigkeit, Prozesse über einen langen Weg zu begleiten, immer wieder Etappenziele zu definieren und kritische Überprüfungen vorzunehmen.»

Ihre größte Schwäche, über die Sie sich immer wieder ärgern?

Ramelow: «In meiner Stärke liegt auch meine Schwäche. Manchmal bin ich sehr ungeduldig, beschleunige Prozesse und merke dabei, dass durch meine Ungeduld auch Erfolge geschmälert werden.»

Wer darf Ihnen etwas sagen - auf wessen Wort hören Sie?

Ramelow: «Nicht nur als Ratgeber, sondern als starker und gleichberechtigter Partner fungiert meine Ehefrau. Ihr Wort hat bei mir das höchste Gewicht. In unserer Thüringer Landespartei gibt es außerdem seit Jahren ein geübtes Wechselspiel zwischen Dieter Hausold, Knut Korschewsky und mir. Manchmal reicht eine kleine Geste schon als Signal.»

Ihr Leitmotiv im Leben?

Ramelow: «Mein Leitmotiv war immer im Sinne von Konfuzius: “Es ist besser, eine Kerze zu entzünden als die Dunkelheit zu beklagen”.»

Dienstag, 28. Juli 2009
Schlüsselwörter: Presseartikel
Seite 1 von 1